WORAN UNTERNEHMEN IN DER CORONA-KRISE SCHEITERN
UND WAS WIR DARAUS LERNEN KÖNNEN

Lesen Sie hier den Artikel unseres Gastautors Jonas Fartaczek,
Online-Marketing Consultant & Managing Director bei der complus media GmbH.
Vor einigen Tagen erreichte mich ein Video, das mir aus der Heimat geschickt wurde. In diesem Video erklärte die Verkäuferin eines lokalen Schuhgeschäfts die missliche Lage, in der sich das Geschäft aufgrund der Virus-Pandemie befindet. Die Kontakt- und Ausgangssperren führten dazu, dass praktisch über Nacht sämtliche Umsätze weg gebrochen sind.

Doch die Not machte erfinderisch. Die Schuhhändlerin bietet ihren Kunden nun eine innovative Kauferfahrung: Kunden können ihr per E-Mail ihren Wunschschuh beschreiben und sie sendet passende Angebote zu. Oder Variante zwei: Sieht der Kunde den perfekten Schuh im Schaufenster, kann er diesen fotografieren, das Foto und die gewünschte Schuhgröße einsenden und sich den Schuh so liefern lassen. Ich finde es großartig, wie in der Not Ideen entstehen und diese dann schnell, unbürokratisch und mit der richtigen Hands-On Mentalität umgesetzt werden.
Doch das Video regte mich zum Nachdenken an. Ich bin überzeugt: Die Welt wird nach dieser Krise eine andere sein. Wir werden nicht weitermachen wie vor der Krise. Schon seit vielen Jahren gibt es eine deutliche Bewegung von Offline zu Online. Eine Bewegung, die in den letzten Jahren, meiner Meinung nach, immer mehr an Geschwindigkeit aufgenommen hat. Die Situation, die der Corona-Virus mit sich bringt, sorgt allerdings dafür, dass diese Änderung sich deutlich beschleunigt. Wir erleben den Durchbruch der Digitalisierung jetzt unaufhaltbar in allen erdenklichen Lebensbereichen, sei es in der Kommunikation, in der Bildung oder beim Shopping. Was wir online erledigen können und so einfacher und bequemer ist, werden wir in Zukunft nicht wieder kompliziert und unbequem, also offline, erledigen. Das gilt auch für den Kauf von Schuhen – doch damit wird die Entwicklung nicht Halt machen. Ich glaube nicht, dass wir als Verbraucher zu alten Gewohnheiten zurückkehren werden - oder wollen.

Daher müssen wir uns die Frage stellen: Wie können wir als Unternehmen in dieser neuen Welt bestehen?
Für mich gibt es vier Faktoren, die als Indikatoren dafür dienen können, wie gut ein Unternehmen die Krise überstehen wird:

1. Branche/Produkt

Die Corona-Krise war unvorhersehbar. Es gibt Branchen, die von der Krise stark getroffen wurden und seither mit starken Angebots- und Umsatzrückgängen zu kämpfen haben, so dass viele Unternehmen unverschuldet in eine finanzielle Notlage geraten sind. Gute Beispiele dafür sind Veranstalter von Messen und Events oder Gastronomen. Es gibt aber auch Branchen, die von der Krise profitieren. Dazu zählt die Gesundheitsbranche, aber auch digitale Produkte wie etwa Zoom (SaaS) werden stärker nachgefragt. Onlinehändler oder Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen haben mit Sicherheit in der aktuellen Krise einen Vorteil.
Was aber passiert mit den selben Unternehmen, werden wir nicht mit einem Virus, sondern einem Hackerangriff konfrontiert, der Unternehmen oder ganze Länder lahmlegen kann? Wie stark Unternehmen von Krisen betroffen sind, hängt maßgeblich von ihrer Branche ab. Somit ist der momentane Erfolg und Misserfolg nicht ausschließlich auf die Entscheidungen der Unternehmer zum Krisenbeginn zurückzuführen. Wie das Fortbestehen dieser Unternehmen aussehen wird, wird aber von den zukünftigen Entscheidungen in Bezug auf Geschäftsmodelle etc. abhängen.

2. Verfügbare Liquidität

Um dem aktuellen Rückgang vieler Märkte standhalten zu können, müssen in den Unternehmen genügend finanzielle Mittel vorhanden sein. Vor allem hier, bei dem Thema Liquidität, versucht die Politik durch ihre Maßnahmen zu helfen.
Für einige Unternehmen mag es möglich sein, die Krise “auszusitzen”, da genügend finanzielle Rücklagen bestehen. Aber gerade bei kleinen oder mittelständischen Unternehmen ist dies nicht der Fall, so dass sie unter massivem Druck stehen zu handeln und – neben Hilfe von Seiten der Politik – zusätzliche Einnahmequellen generieren müssen.

3. Diversifikation

Ich bin der Meinung, dass Unternehmen, die vielseitig sind in ihrem Geschäftsmodell, also Produkte, Absatzkanäle etc., bessere Chancen haben, die Krise zu überstehen oder sie vielleicht sogar zu nutzen. Wer ein Geschäftsmodell hat, das sowohl online als auch offline funktioniert, kann den Fokus jetzt verschieben.
Nun zeigt sich deutlich, wer in der Vergangenheit dem Thema Digitalisierung offen gegenüber stand und wer es lange vor sich her schob oder es gar ignorierte. Viele handelten so aus Angst vor dem Unbekannten oder aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus. Denn was kann ein Einzelhändler schon gegen einen Marktführer wie Amazon oder Zalando tun?
Ein solch defensives Mindset birgt aber Gefahren, was viele Unternehmen nun teuer zu stehen kommt. Diversifikation bezieht sich natürlich nicht ausschließlich auf die Umstellung von offline auf online, doch die Digitalisierung kann durchaus helfen, neue Kundengruppen und Absatzkanäle zu erschließen. Denn Unternehmen, die mehrere Märkte oder Branchen bedienen können, werden es leichter haben, die Verluste des einen Marktes mit denen des anderen Marktes auszugleichen.

4. Agilität

Um diese schnelle Verschiebung von Geschäftsbereichen oder Vertriebskanälen umzusetzen, ist ein hohes Maß an Agilität notwendig.
Unternehmen, die eine agile Arbeits- und Denkweisen in der Vergangenheit hoch priorisiert und gelebt haben, sind jetzt auch in der Lage, schnell zu handeln. Wurden in der Vergangenheit die Arbeitsplätze bereits mit Laptops ausgestattet, ist es jetzt unproblematischer auf Home-Office umzustellen als mit einem Desktop Computer. Es ist einfacher, Mitarbeiter für ein neues Ziel, ein neues Projekt oder eine andere Aufgabe zu gewinnen, wenn im Unternehmen bereits in der Vergangenheit Flexibilität gefordert und ermöglicht wurde.
Agilität ist aus meiner Sicht mehr als nur Projektmanagement à la Scrum. Agilität ist ein Mindset, das tief im Unternehmen und in seinen Mitarbeitern verankert sein muss. Die Methoden des Design-Thinking können dabei unterstützen, schnell Ideen zu entwickeln, zu verwerfen und neu zu testen. Die Digitalisierung hilft uns dabei lediglich, dieses Mindset besser umsetzen zu können. Gelebte Agilität können wir derzeit anhand einiger Beispiele sehen: Die erste Reaktion von Restaurants vielerorts war es, neue Kunden durch Lieferservices zu erreichen. Ob diese Lösungen erfolgreich sein werden, wird sich zeigen.
Diese Beispiele zeigen aber eins: entscheidend ist die Fähigkeit, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern mit den gegebenen Bedingungen weiter nach neuen und kreativen Problemlösungen zu suchen.
 
 
Trotz all dem Leid und den bedrohten Existenzen und Einzelschicksalen, die diese Krise mit sich bringt, gibt die jetzige Situation uns als Gesellschaft die Chance, unsere Zukunft neu zu gestalten. Zum einen werden wir uns gesellschaftlichen Fragen gegenüberstehen: Wie soll unser künftiges Zusammenleben in den Städten und auf dem Land aussehen? Wie gestalten wir unsere Fußgängerzonen und Innenstädte?

Wirtschaftlich betrachtet müssen wir uns fragen: Können wir es schaffen, dass die Digitalisierung, die bisher aus Sicht vieler nur das Spielfeld der GAFA-Mächte (Google, Apple, Facebook, Amazon) war, dazu beiträgt, den lokalen Einzelhandel und den Mittelstand stabiler aufzustellen? Die genannten Beispiele beweisen, dass Einzelunternehmen die Märkte nicht den großen Unternehmen überlassen müssen, sondern auf innovative Art und Weise an ihnen partizipieren können. Vielleicht haben sie hier sogar den Vorteil, in dem gemischten Geschäftsmodell aus online und offline persönlicher und vertrauenswürdiger zu sein - ein seltenes Gut in der digitalen Welt.

Dabei muss uns aber eine Sache bewusst sein: Das Ziel der kleinen und mittelständischen Unternehmen darf es nicht sein, den Kampf gegen die Giganten gewinnen zu wollen, sondern eine Möglichkeit finden, weiter auf dem Markt zu existieren und für die Kunden Nutzen zu stiften. Digitalisierung kann und wird dabei eine maßgebliche Rolle spielen. Sie darf dabei kein Ausweg aus der Krise sein, den wir notgedrungen wählen. Sie ist vor allem eine Chance – gerade für kleinere Unternehmen - zu wachsen und unsere zukünftigen Märkte aktiv mitzugestalten.

Jetzt ist die Zeit sich neu zu erfinden!

So wie der zu Beginn genannte lokale Schuhladen: Dieser hat in der Zwischenzeit einen Online-Shop gestartet und bewirbt diesen mit einfachen Handyvideos aktiv auf Social Media.

Wer sagt es denn – es geht doch!


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